Donnerstag, 18. Juli 2019

Jubiläumsfeierlichkeiten

1250 Jahre Singen

1250 Jahre und kein bisschen leise: Mit einem kunterbunten Programm feierte Remchingens Ortsteil Singen am Wochenende das Jubiläum seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Kodex des Klosters Lorsch. Kein Wunder, dass die schon am Freitagabend von der bayrischen Rockband "Rotzlöffl" eingeheizte Kulturhalle zum Festbankett am Samstag mit 600 Besuchern im Saal und 200 bei der Übertragung im Festzelt brechend voll und lange zuvor ausverkauft war. Erstmals spielten auch die Wasserfontänen an der Neuen Ortsmitte.

Festbankett und Unterhaltungsprogramm zeigt Vielfalt der Singener Vereine

Zeitenwende-Medaille des Enzkreises Anstatt sich entspannt zurückzulehnen standen die Bürger mittendrin, präsentierten kurzweilig moderiert vom waschechten Singener Roland Schuster heitere Überraschungen und schrieben mit dem Höhepunkt des Feierjahres einmal mehr Geschichte. Landauf, landab gelte Singen als etwas aufmüpfig, spätestens seit es trotz damaligem DFB-Verbot bei der 1200-Jahr-Feier ein Frauen-Fußballspiel veranstaltet habe, erinnerte Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon. Beeindruckend sei, dass es alle damaligen Vereine noch heute gebe: "Dieser Abend soll explizit für unser Ehrenamt stehen – bleiben wir einig, immer etwas aufmüpfig und vor allem ehrenamtlich aktiv!" - Auch Landrat Bastian Rosenau gratulierte zum Vereinsleben, auf das man stolz sein könne. Im Protokoll einer Ortsbereisung von 1951 habe der damalige Landrat bemerkt, dass Singen neben einem freihändig mit dem Kraftrad über die Hauptstraße fahrenden Bürger und einer undichten Misteinfassung an der Mühlstraße "tadellos aufgeräumt" sei. Das sei es noch heute. In Erinnerung an Höhen und Tiefen überreichte er die Zeitenwende-Medaille, auch wenn Singen vielleicht nicht so gut auf den Enzkreis zu sprechen sei, nachdem es im Zuge der Kreisreform 1973 den Titel als älteste Gemeinde an Illingen und Lienzingen abgeben musste: "Die Reform war ein Einschnitt, aber die Entscheidung pro Remchingen und pro Enzkreis hat Singen keineswegs geschadet." Eine stimmungsvolle Umrahmung der Grußworte gab neben dem Musikverein und der Bigband des Gymnasiums die in Singen wohnende Opernsängerin Susanne Schellin, am Flügel begleitet von Paul Taube.

Als Singener Schütz brillierte Dieter Volle mit humorvollen ErinnerungenVielfalt pur bot das Unterhaltungsprogramm: Nachdem CVJM und Kirchengemeinde mit einem "Kirchenlied-Flashmob" überraschten, übernahmen die jungen CGS-Tänzerinnen Mia Pizzino, Hannah Lüdemann und Paula Bräuner das Kommando. Melodien zum Verlieben stimmte der Gesangverein an, während Ernst Beck, Klaus Obreiter und Michael Wild als "Junge Tenöre" des VdK humorvoll ihren Mann standen. Jede Menge Brüller und stehende Ovationen erntete Dieter Volle als Singener Feldschütz. Habe man früher vor Konsum, Schmidts Lädle oder Laupps Bäckerei "Schnellerles, Sucherles oder Reifles" gespielt, bevor die ganze Familie im Zuber badete und man anschließend die weiße Wäsche darin eingeweicht habe, während das Portrait der Schwiegermutter aus Wilferdingen die Staren am Kirschbaum abhielt, so hätten sich die Zeiten geändert: "Mir sodde en de heidige Zeit viel meh midenanner schwätze, gmietlich zsamme sitze, des ded Die jungen Tenörebesser als jeder Wellnessurlaub." Humorvolles "Dorfgschwätz" tauschten Herbert Grässle, Nino Di Piazza und Bernd Farr auf der FCG-Rentnerbank aus, während die Tischtennis-Oberligaaufsteiger des Turnvereins an der heißen Platte für Nervenkitzel sorgten. Den rockigen Abschlusstanz lieferten die "Aztekas"-Stammtischfreunde. Unter hunderten Jubiläums-Engagierten ehrte Prayon namentlich Sebastian Bauer, Florian Becker, Margot Bercher, Volker Bräuninger, Nino Di Piazza, Jürgen und Dieter Ebel, Joachim Geffken, Ulrich Haag, Pfarrer Rudolf Kaltenbach, Robin Leonhardt, Josef Lofent, Marion Müller und Achim Oeder, Siegfried Roller, Jens Roser, Roman Roth, Ralf Rothweiler, Roland Schuster und Alexander Zachmann.


Festgottesdienst und Jubiläumsumzug zeigen Zusammenhalt

Musikverein und Big BandEin kräftiges Gotteslob für 1250 Jahre leben und arbeiten, lachen und weinen, Freude, Schicksal und Gemeinschaft teilen in Singen schickten am Sonntagmorgen die Besucher des ökumenischen Festgottesdienstes in der Kulturhalle begleitet von den vereinten Posaunenchören gen Himmel. "Mitten hinein in diese Geschichte legt Gott seine bunten Farben – er hat uns nach Singen hineingestellt, dass wir dort wirken, unsere Talente und Gaben einbringen", ermutigte der evangelische Pfarrer Rudolf Kaltenbach zusammen mit der katholischen Gemeindereferentin Ivonne Lichtwald.

Und gerade diese Talente und Gaben brachte er mit den Singenern wenige Stunden später beim historischen Jubiläumszug mitten auf die Straßen: während der CVJM schillernde Riesenseifenblasen mit sich wehte, zeigte die Turnjugend mutige Kunststücke am rollenden Barren und das Triathlon-Team schwang sich auf die hölzernen Sattel historischer Fahrradmodelle. Die Köber-Mühle spielte Max und Moritz und verteilte frische Brötchen, während die Gemeindeverwaltung Bier ausschenkte.


Zeitreise durch 1250 Jahre Dorfgeschichte auf die Straßen gebracht

UmzugBeim Festumzug war der halbe Ort auf den Füßen, putzte historische Gewänder oder altes Werkzeug heraus und begab sich mit Zuschauern aus der ganzen Umgebung auf eine Zeitreise ins Dorfleben anno dazumal. Selbst der wolkenverhangene Himmel spielte mit und setzte zumindest den Regen aus. Rund 1.000 aktive Teilnehmer, allen voran von Singener und Remchinger Vereinen sowie einigen privaten Gruppen bahnten sich den Weg durch die gespannten Zuschauer. Dem Schütz von Singen (Herbert Milich) und den Bären folgten wie schon vor 50 Jahren Mädchen mit den Jubiläumszahlen. Ins Römer- oder Ritterkostüm warfen sich die Kindergärten und Schulen, im Retrotrikot glänzten derweil die Fußballer. Das DRK packte seine ältesten Aktiven in den neuen Mannschaftswagen, während sich der VdK an Krücken und Rollatoren durch die Gassen schleppte. Mitten aus dem vollbesetzten Gespann trällerte der Gesangsverein, während die Freiwillige Feuerwehr ihren alten Nachkriegs-Löschleiterwagen reaktivierte, mit Traktor statt Pferd, dafür in historischer Uniform samt Goldhelmen. Krankenpflege damals und heute stellte die Diakoniestation zur Schau. Während die Landwirtsfamilie Bercher mit Riesenkuh und Erntekrone an die Umzug-2"gute alte Zeit mit ihrer harten Handarbeit" erinnerte, setzten sich die Berufskollegen auf den Kartoffelroder und die Marktfrauen stellten ebenso wie die Baumschule Bräuninger und Siegfried Ade prächtiges Obst, Gemüse und Blumen zur Schau. Anstatt dem sonst dreifachdonnernden "Helau!" des umzugserprobten Remchinger Ortsteils forderten die 37 Gruppen um Umzugsleiter Jens Roser immer wieder fröhlich strahlend: "Jubel!" Daran mussten sich die Narren erstmal gewöhnen – aber sie zeigten fernab ihrer außerhalb der Kampagne streng im Schrank verwahrten Faschingskostüme jede Menge Einfallsreichtum. So auch die Schützen, die Seifenblasen gen Himmel schossen. Neben den Wilferdinger Waschweibern und der Belrem-Gilde mit lautstarker Grausamer Barbara war sogar eine Gruppe aus der sizilianischen Partnergemeinde San Biagio Platani mit von der Partie. Vor dem Schlusswagen des DRK bahnte sich Frank Giesinger mit der wieder aktivierten fahrbaren Bandsäge seines Opas und Vaters den Weg durch die Straßen und sorgte für den finalen Hingucker. Der gesellige Abschluss zog die Singener und ihre Freunde aus der ganzen Gemeinde und Umgebung in die Kulturhalle.

 

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